Titus Müller: Vom Abenteuer, einen Roman zu schreiben
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Inhalt des Buches:
I. Einleitung. Oder: Zehn Arten, sich zum Schreiben zu motivieren
II. Wie erzeuge ich Spannung?
III. Das Überarbeiten
IV. Die Sprache
V. Figur und Identifikation
VI. Das Veröffentlichen
VII. Interview mit Andreas Eschbach
VIII. Interview mit Rebecca Gablé
IX. Interview mit Kai Meyer
I. Einleitung. Oder: Zehn Arten, sich zum Schreiben zu motivieren
Ich habe jedes Wort, das ich veröffentlicht
habe, etliche Male geschrieben. Meine
Bleistifte überleben ihre Radiergummis.
Vladimir Nabokov
Sportstunde in der sechsten Klasse. Unser Lehrer hat eine Neuerung eingeführt: Zu Beginn jeder Stunde sollen zwei Schüler Gymnastikübungen zu Musik vorführen, die alle anderen mitzumachen haben. Ich besitze kein gutes Verhältnis zu meinem Körper. Wegen meines Rundrückens und der seitlich verkrümmten Wirbelsäule fühle ich mich als Krüppel. Aber es ist unausweichlich: Die Reihe kommt an meinen Freund Thomas und mich.
Ich überrede ihn, die Übungen allein vorzumachen, während ich im Gegenzug die Musik auswähle. Dem Sportlehrer leuchtet unser Geschäft nicht ein. Er sieht nur, dass ich mich nach dem Auflegen der Schallplatte weiter bei der Musikanlage herumdrücke. Ich werde angewiesen, gefälligst mitzumachen. Mir bricht der Schweiß aus. Mit hochrotem Kopf verrenke ich mich vor den anderen, während mir das Turnzeug am Leib klebt.
Alles Körperliche ist mir damals verhasst. Ich schäme mich im Schwimmbad, weil man meine Rippen zählen kann und ich dünne Arme habe. Wenn irgendwo getanzt wird, haue ich ab. Selbst Umarmungen erschrecken mich.
So hätte es weitergehen können, mein Leben lang. Aber ich bin dabei nicht glücklich. Als Student nehme ich mir vor, diese verlorenen Lebensbereiche zurückzuerobern. Ich gründe mit Freunden eine Theatergruppe und übe, auf der Bühne nicht nur zu reden – das konnte ich schon immer –, sondern auch zu spielen und meinen Körper einzusetzen. Außerdem beschließe ich, Tanzen zu lernen. Ich werde ausgelacht. „Du und Tanzen? Nicht in hundert Jahren!“
Vor der ersten Tanzstunde, auf dem Weg in den Tanzsaal, stolpere ich und falle meinem Vordermann in den Rücken. „Das fängt ja gut an“, stoße ich zwischen den Zähnen hervor. Ich habe gehörig die Hosen voll. Die Tanzlehrerin beginnt, den Langsamen Walzer zu erklären, und fordert uns zu einer einfachen Schrittfolge auf. Mir bricht der Schweiß aus wie in der Sportstunde damals. Ich habe das Gefühl, dass mich alle beobachten, dass ich auffalle, weil ich besonders ungelenk bin und eine Lachnummer abgebe beim Versuch, ihre Schritte nachzuahmen.
Trotzdem bleibe ich dabei. Ich beende den Anfängerkurs, den Fortgeschrittenenkurs, mache Bronze, Silber, Gold, Gold Star. Heute ist Tanzen für mich ein Vergnügen. Ich habe mit meinem Körper Frieden geschlossen.
Mit dem Schreiben muss ich denselben Weg gehen: Anfangs fühle ich mich ungelenk und bin vom eigenen Text peinlich berührt – auch nach sieben mit Erfolg veröffentlichten Romanen geht es mir nicht anders, ich schreibe und will das Geschriebene sofort wieder einstampfen. Aber ich tue es nicht. Ich fange mir den wilden Hengst, und er darf wild sein zu Beginn, es ist seine Natur, ich akzeptiere sie. Ist der Rohentwurf zu Papier gebracht, zähme ich ihn mit viel Geduld und Zeitaufwand. Darum geht es in diesem Buch: Wie man einen wilden Roman einfängt und zähmt.
Eine gute Portion Abenteuerlust gehört dazu. Wer mit dem Schreiben vorankommen will, darf nicht einfach bei dem stehenbleiben, was er schon kann. Er muss sich ausprobieren. Als Vierzehnjähriger habe ich Abenteuergeschichten geschrieben. Zwei davon habe ich kürzlich wiedergefunden. Eine Kostprobe:
Du siehst dich in der Hütte nach der Truhe um, von der die Alte gesprochen hatte. Und wirklich, in einer dunklen Ecke siehst du eine mit hübschen Schnitzereien verzierte, alte und eingestaubte Truhe stehen. Sie sieht richtig geheimnisvoll aus. Als du das alte Dachsfell, was auf ihr liegt, hinunternimmst, blickt dich mit scharfen Augen ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln an, welcher auf die Truhe gezeichnet ist. Unter ihm siehst du ein reichverziertes Wappen mit einem Wolf darauf und eine Fahne mit dem selben Zeichen. Vor der Truhe hängt ein dickes, altes Schloss.
Als Siebzehnjähriger begann ich, Gedichte zu schreiben. Mit den Jahren wurden es Hunderte. Ich hatte Ahnung von Versmaß und Enjambement, von Hebungsprall und Sonettformen. Aber ich stellte fest, dass kaum jemand Gedichte liest. Und ich wollte gelesen werden. (Eines der Gedichte, „Potsdamer Platz“, hatte doch noch Erfolg: Es steht heute in einigen Bundesländern im Deutschbuch für Achtklässler.)
Also habe ich mich an Kurzgeschichten probiert. Im Warteraum beim Arzt sah ich, dass die Zeitschrift FUNK UHR Kurzkrimis abdruckte. Ich kaufte ein Exemplar, zählte die Zeichen aus und schrieb einen Krimi mit exakt derselben Zeichenzahl. Es war mein erster Krimi, und eine meiner ersten Kurzgeschichten. In der Redaktion der FUNK UHR war man zufrieden (vor allem, vermutlich, weil ich die Zeichenzahl so gut getroffen hatte), und gab mir 200 Mark. Ich war zwanzig, und ich wurde für mein Schreiben bezahlt! Ich war im siebten Himmel.
Nun wollte ich den Marathonlauf versuchen. Ich wollte einen Roman schreiben. Jeden Tag schrieb ich mindestens eine Stunde. Ich wollte herausfinden, ob ich in der Lage war, einen umfangreichen Stoff zu überschauen und die Geschichte auch zu Ende zu bringen.
Während ich noch daran schrieb, etwa ein Jahr nach meiner FUNK-UHR-Veröffentlichung, fand in der Literaturwerkstatt Berlin der „Open Mike“ statt. Bei diesem Wettbewerb werden Talente entdeckt. Im Zuschauerraum sitzen Lektoren, Agenten, Journalisten. Fünfzehn Nachwuchsautoren dürfen jeweils fünfzehn Minuten lang auf die Bühne, um einen Text vorzustellen. Ich bewarb mich mit einer meiner Kurzgeschichten und wurde eingeladen.
Es war Sonntagvormittag, und ich sollte als Erster lesen. Heinrich Vogler – ein Literaturredakteur des Schweizer Radiosenders DRS, der mich als Mitglied der Vorjury eingeladen hatte – erklärte mir: „Sie gehen da nach vorn, setzen sich an den Tisch und lesen, bis der Wecker schrillt. Übrigens, in Ihrem Text haben Sie ‚striff‘ geschrieben, es heißt aber ‚streifte‘.“
Ich bekam weiche Knie.
Rasch korrigierte ich das falsche Wort, ging nach vorn und las. Ich musste an den Wecker denken, ständig, und hoffte, diesen Absatz noch zu schaffen, und dann den nächsten. Schließlich klingelte der Wecker. Damit endete der gute Teil des Tages.
Als nach mir andere Autoren lasen, begriff ich, dass ich überhaupt nicht hierher gehörte. Ich meine nicht, dass ich keine Chance hatte, den Preis zu gewinnen. Ich meine, dass ich ungefähr so deplaziert war wie ein Mann mit einer E-Gitarre im Orchestergraben der Bayreuther Festspiele. Meine Nachfolger brachten anspruchsvolle moderne Literatur zu Gehör. Sie trugen schwarze Rollkragenpullover, und die Stimmlage, in der sie ihre Texte vortrugen, drückte Würde aus.
(Am nächsten Tag stand in der FAZ ein Bericht über den „Open Mike“. Die drei Preisträger wurden ausführlich vorgestellt. Von allen anderen Autoren wurde nur einer erwähnt, und zwar deshalb, weil er seltsam war. Er habe ausgesehen „wie ein Start-up-Unternehmer am Neuen Markt“ und habe über „die mit Honigfässchen und Wildschweinferkeln ausgestattete Märchenwelt eines Feinholzschnitzers der Grafschaft Neiße“ geschrieben. Der Kerl war ich.)
Sie verstehen, dass ich eine trockene Kehle bekam, oder? In der Pause ging ich auf die Toilette. Ich stellte meinen Fuß gegen die Tür, damit niemand hineinkam und mich erwischte, und dann beugte ich mich hinunter zum Waschbecken, um meinen Mund unter den Wasserhahn zu halten. Ich drehte das kalte Wasser auf und trank. In diesem Moment stieß die Tür gegen meinen Fuß. Ich gab dem Druck nach, und ein Mann kam herein. Ich wischte mir das Wasser vom Kinn. Der Mann sagte: „Hat mir gefallen, was Sie da gelesen haben. Ich werde Ihnen schreiben.“
Mir lag eine Erwiderung auf der Zunge. Haben Sie überhaupt meine Adresse? Aber ich sagte höflich danke und verließ die Toilette. Später wurde mir heiß und kalt, als meine Toilettenbekanntschaft auf die Bühne stieg, um das Fazit der Jury bekanntzugeben. Es war Alexander Fest. Er leitete damals den Alexander Fest Verlag und den Kindler Verlag. Kurze Zeit später wurde er der Chef von Rowohlt.
Ich erhielt tatsächlich Post. Meine Kurzgeschichten seien toll, aber ob ich nicht ein Romanmanuskript hätte? Ich reichte meinen erst zur Hälfte fertiggestellten Roman ein und bekam einen Vertrag zugeschickt.
Sie denken, das ist das Happy End? Alexander Fest wollte zwar mit mir zusammenarbeiten, und nahm mich unter Vertrag – das Romanmanuskript aber gefiel ihm nicht. Er schlug mir vor, ich solle mit dem Roman noch einmal von vorn beginnen.
Von vorn.
Wir sprachen über die Ausrichtung des Romans, konnten uns nicht einigen, und schließlich wurde der Vertrag aufgelöst. Ich ging beim Aufbau Verlag an Bord. Gunnar Cynybulk, mein Lektor, pflügte genauso streng durch das Manuskript – als ich es wiederbekam, war es rot von unzähligen Anmerkungen. Ich schrieb um, ich schrieb neu, ich suchte andere Wörter. Und allmählich hörte der Roman auf, wild den Kopf zu werfen und auszuschlagen. Er lernte, zur richtigen Zeit zu galoppieren, zu traben, Schritt zu gehen.
Kein Zweifel, es ist gut, mutig voranzugehen und etwas auszuprobieren, auch wenn man es noch nicht beherrscht. Auf dem Weg lernt man dazu. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass jeder Roman zu Anfang ungezähmt und bissig ist, und dass ich nie ohne blaue Flecken davonkomme. Aber ich habe auch gelernt, dass sich die Mühe lohnt. Wenn der Mond scheint und auf ihrem Fell glänzt, freue ich mich über meine schönen Pferde auf der Weide.
Ich weiß, dass weder die Seiten, die schon daliegen, noch die Sätze, die ich heute schreibe, bleiben werden – nicht ein Buchstabe von ihnen. (Christa Wolf)
Früher dachte ich, für die richtigen Autoren ist das Schreiben nicht anstrengend. Die Geschichte fließt aus ihnen heraus, sie erzählen sie locker herunter, ohne größere Mühe. So liest sich am Ende ihr Buch: Ein flüssiges, schönes Erzählen ist das. Ich dachte, sie setzen sich morgens an den Schreibtisch, lockern ihre Finger, und dann geht es los. Sie tippen in einer fröhlichen Weise Seite um Seite, holen sich zwischendrin einen Kaffee, tippen weiter, und am Ende des Tages haben sie zehn bis zwanzig fabelhafte Seiten geschrieben, die nur noch minimaler Korrekturen bedürfen.
Weil mir das Schreiben schwerfällt, dachte ich, ich sei ein Hochstapler. Irgendwann würde ich auffliegen, als einer, der die richtigen Autoren nur nachgeahmt hat. Ich dachte, so beschwerlich, wie das Schreiben bei mir voranging, würde auch den Lesern die Lektüre eine Qual werden.
Aber hören Sie mal, was Michael Chabon in einem Interview über seine Arbeit an „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay“ erzählt, dem Roman, der ihm den Pulitzer-Preis einbrachte:
Ich bin durch einige sehr schwierige Phasen gegangen, in denen ich das Gefühl hatte, die Richtung verloren zu haben. Ich wusste wirklich nicht, was ich sagen wollte, oder warum ich es schrieb, oder warum ich überhaupt in einer Million Jahre auf den Gedanken gekommen bin, ich könnte in der Lage sein, so ein Buch zu schreiben.
Na gut, sagen Sie, das ist ja anspruchsvolle Literatur. Den Unterhaltungsautoren, die Genreliteratur schreiben, denen geht die Arbeit sicher ohne größere Mühe von der Hand! Dachte ich auch mal. Rebecca Gablé mailte mir:
Die meisten Arbeitstage beginnen damit, dass ich um den Schreibtisch herumschleiche und zuerst andere Dinge tue, weil mir davor graut, mit dem Schreiben anzufangen. Wenn ich dann aber einmal dabei bin, ändert sich meine Stimmung meistens recht schnell, und ich habe Spaß am Schreiben. Trotzdem wiederholt sich die quälende Einstiegsphase am nächsten Tag.
Und Kai Meyer, dessen Bücher in 28 Sprachen übersetzt wurden, erklärte:
Diese Hemmschwelle muss ich auch heute noch oft überwinden, meist gar nicht so sehr vor der ersten Seite des Tages, sondern nach der zweiten oder dritten. Dann fallen mir tausend Sachen ein, die ich gerade lieber tun würde, und ich fange an, E-Mails zu beantworten, im Internet zu surfen, in Zeitschriften zu blättern usw.
Die Wahrheit ist: Schreiben ist harte Arbeit. Es gibt keine Tricks, diese harte Arbeit leicht zu machen. Ein Autor muss seinen Schreibtisch einer Menge anderer Dinge vorziehen. Wie fühlen Sie sich nach stundenlangem Schreiben? Ich fühle mich am Abend nach einem anstrengenden Schreibtag glücklich – und ausgelaugt, als wäre ich einen Marathon gelaufen.
Wer auf Autoren herabschaut, weil sie „nur“ schreiben, hat keine Ahnung davon, was das bedeutet. Und manchmal helfen wir diesen Verachtern noch, indem wir vor Scham unseren Beruf selbst niedermachen: „Ich bin so ein Schreiberling“, sagen wir im Flüsterton, als hätte es für keinen anderen Beruf gereicht. „Ich versuch’s halt.“
Respektieren Sie Ihre Arbeit! Dann werden auch die anderen lernen, sie zu respektieren. Unsere Art der Kunst kann mit nichts verglichen werden. Wir können zu Hause formulieren, feilen, Texte reifen lassen, und dann, eines Tages, haben sie ihren Auftritt in den Buchläden. Wir können anderen Menschen die Augen für die Welt öffnen, für ihre Schönheit, für ihren Schmerz. Wir schreiben über Liebe, über Geborenwerden und Sterben, und berühren damit Tausende Leser.
„Ein Schriftsteller ist ein Mann, dem das Schreiben schwerfällt“, hat Thomas Mann gesagt. Wenn ich mir die Autorinnen und Autoren ansehe, denen ich bisher begegnet bin, fällt mir bei aller Verschiedenheit auf, dass sie sich in einem ähneln: Sie besitzen eine außergewöhnliche Zähigkeit. Sie verfolgen mit Wut, mit Leidenschaft, mit Zärtlichkeit ihr Ziel, bis das Buch fertiggestellt ist.
Seltsamerweise sind bei mir oft die Stellen, die mich viel Kraft gekostet haben und fürchterlich anstrengend zu schreiben waren, am Ende diejenigen, die flüssig zu lesen sind und nach einem vergnüglichen Sonntagnachmittag aussehen.
Was tue ich, wenn es nicht mehr vorangeht, wenn der Karren im Dreck steckt? Das kann inhaltliche Gründe haben. Die nehmen wir uns später zur Brust. Es kann aber auch an mir selbst liegen, und für diesen Fall habe ich mir einige gute Gewohnheiten zugelegt.
Lösung 1: Raubtiere entwickeln Kräfte, wenn sie Blut gewittert haben. Genauso geht es mir, wenn ich literarisches Blut lecke. Ich nehme einen Roman aus dem Regal und lese ein paar Sätze darin. Sind sie gut, erregen sie Freude an der Sprache und motivieren mich zum Schreiben. Sind sie schlecht, zerstreuen sie meine Selbstzweifel, weil der Roman trotzdem veröffentlicht wurde und meiner – so hoffe ich – besser ausfallen wird.
Lösung 2: Wenn’s zu Hause nicht läuft, fahre ich in die Bibliothek und setze mich mit dem Notebook in den Lesesaal. Dort bin ich umgeben von büffelnden Studenten. Ihr Fleiß inspiriert mich.
Lösung 3: Ich teile die große Aufgabe in kleine Teilziele auf. Ich muss heute keinen Roman schreiben, sondern nur zwei Seiten davon. Eine Zeit lang ging ich mit meinem Freund Basti regelmäßig schwimmen. Wir hatten Spaß daran, um die Wette zu tauchen. Wenn Basti an der Stelle im Wasser blieb, bis zu der er gekommen war, und ich unter Wasser seine Beine sah, kam ich am weitesten. Beim Schreiben hilft es mir genauso, ein Tagesziel vor Augen zu haben. Habe ich es erreicht, belohne ich mich mit einem Film oder einem Eis.
Lösung 4: Eine gute Gewohnheit aufzubauen, hilft ebenfalls. Ich hatte zehn Jahre lang Klavierunterricht. Es ist schön, Klavier spielen zu können – aber zu üben? Naja. Ich übte oft nur am Tag vor dem Unterricht und nahm mir vor, dafür in der nächsten Woche doppelt so viel zu tun. Was ich nicht tat. Irgendwann fand ich heraus, dass ich viel bessere Fortschritte machte, wenn ich nicht in einer Hauruck-Aktion die Lage zu retten versuchte, sondern jeden Tag fünfzehn Minuten übte. Jeden Tag fünfzehn Minuten brachten mehr als einmalig anderthalb Stunden Übezeit. Auch für das Schreiben habe ich die Muse domestiziert, indem ich jeden Tag schreibe (bis auf samstags). Es ist Routine geworden. Das mag unromantisch klingen, mir aber hilft es, weil es die innere Stimme zum Verstummen bringt, die sagen will: Heute klappt’s nicht, schreib lieber morgen. In schwierigen Zeiten habe ich das Routinegefühl besonders gestärkt, indem ich immer zur selben Uhrzeit am selben Ort mit einer Tasse heißen Tees geschrieben habe.
Lösung 5: Dringende Aufgaben müssen warten. Natürlich, das Auto muss zur Reparatur, der Abwasch türmt sich, ich muss vor dem Wochenende rasch noch einkaufen, Briefe und E-Mails müssen beantwortet werden, und der Abgabetermin für den Roman ist erst in einem halben Jahr, das hätte also Zeit. Wenn ich aber so rangehe, schreibe ich nie. Es gibt ihn nicht, den Tag, an dem nichts sich vor den Roman drängt und mit Blaulicht auf sich aufmerksam machen will. Deshalb habe ich das Schreiben zur dringenden Aufgabe erklärt. Ich notiere mir penibel mein Tagespensum und versuche, den Plan einzuhalten. Fällt mir beim Schreiben etwas Wichtiges ein, das erledigt werden muss, dann schreibe ich es auf einen Zettel und lege ihn für später beiseite. Das beruhigt die Herren im Anzug in meinem Kopf und lässt mich weiterarbeiten.
Lösung 6: Wenn ich mich ausgelaugt fühle und mir die Kreativität versiegt, schaue ich einen Film. Mitten am Tag. Indem der Film mich rührt, erinnert er mich daran, was man mit Charakteren machen kann, und ruft die starken Emotionen wieder wach, die ich bei meiner eigenen Geschichte gespürt habe. Bei Hollywoodfilmen ist die Kernaussage oft gut zu erkennen. Das bringt mich zum Nachdenken über den Kern meiner Geschichte. Und nicht zuletzt bewundere ich die Künstler, die den Film zuwege gebracht haben, die Schauspieler, den Regisseur, die Kameraleute, und bin von ihrem Einsatz so beeindruckt, dass es mich motiviert, ebenfalls weiterzumachen. Manchmal komme ich sogar auf neue Ideen durch den Film, selbst wenn er in einem ganz anderen Setting spielt.
Lösung 7: Ich übergebe das Problem an mein Unterbewusstsein. Das bedeutet nicht, dass ich der missglückten Szene ausweiche, im Gegenteil, ich lese sie noch einmal aufmerksam durch, und dann wasche ich ab, hänge Wäsche auf, putze Fenster oder fahre Fahrrad. Das hilft mir dabei, unverkrampft und unbeabsichtigt nachzudenken. Wann findet man ein verlegtes Portemonnaie wieder? Wenn man alles durchsucht hat und eigentlich schon nicht mehr ernsthaft sucht. In dem merkwürdigen Stadium zwischen Aufmerksamkeit und Entspannung, den Suchauftrag noch im Kopf, aber eher ziellos als zielgerichtet bei der Sache, ist unser Gehirn offensichtlich in der Lage, ungewöhnliche Lösungsvorschläge zu machen. Das nutze ich auch beim Schreiben. Es ist mir schon öfter passiert, dass ich mitten beim Abwaschen alles stehen und liegen gelassen habe und zum Schreibtisch gestürzt bin, weil ich plötzlich wusste, wie ich die Szene anpacken muss.
Lösung 8: Musik hilft mir dabei, an einem Denkweg dranzubleiben. Sie schaltet für mich Ablenkungen aus. Ich höre beim Schreiben Filmmusik oder Instrumentalmusik, die mich in eine dem Kapitel entsprechende Stimmung bringt. In Notfällen, wenn es mir besonders schwer fällt, am Schreibtisch zu bleiben, spiele ich stundenlang ein einziges Stück ab, in einer Dauerschleife, und lasse mich davon sozusagen zur Arbeit „hypnotisieren“.
Lösung 9: Ich erinnere mich daran, dass das Schreiben ein Handwerk ist. Natürlich bin ich auch Künstler, aber ich konzentriere mich auf den handwerklichen Aspekt, weil mir das hilft, die Arbeit nicht zu mystifizieren. Ich bin dem Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Inspiration nicht ausgeliefert, sondern kann praktisch an die Arbeit herangehen, wie ein Tischler. Wenn ich mein Schreiben als „Werk“ betrachten würde, das ich „vollende“, würde ich kein Wort mehr schreiben können vor Sorge, dass es den gewünschten künstlerischen Gesamteindruck zerstört. Als Tischler aber kann ich, unabhängig von meiner momentanen Stimmung, den Hobel in die Hand nehmen. Deshalb beschäftige ich mich lieber mit Vielschreibern als mit Nobelpreisträgern. Ich sehe nicht mein einzelnes, jetziges Buchprojekt als das Reiseziel an, sondern betrachte es als Teil einer größeren Anzahl von Büchern, die ich im Leben schreiben will. Mit jedem werde ich dazulernen. Die noch zu schreibenden Bücher zu betrachten – ich habe schon etliche Ideen notiert –, nimmt für mich den Druck aus dem einzelnen Buchprojekt. Wenn es nicht der Meisterwurf wird, na und? Ich schreibe bald das nächste. Zu viel Respekt vor dem eigenen Romanprojekt kann einem die Motivation ersticken.
Manchmal hilft es mir, das missratene Kapitel auszudrucken, die Manuskriptseiten mehrfach zu knicken,und sie schludrig in die Manteltasche zu stecken. Ich verlasse die Wohnung (den Ort, wo ich feststecke und es im Augenblick überall nach Versagensängsten riecht) und setze mich auf eine Parkbank oder in ein Café. Dort ziehe ich die geknickten Seiten aus dem Mantel. Ich sage mir: Das ist bloß Papier mit Buchstaben drauf.
Auch ein Teil des Autorenberufs: Sich immer wieder Kniffe einfallen zu lassen, wie man seine Ängste bezähmt. Hermann Hesse hatte übrigens Angst vor weißem, schönem Schreibpapier, es gab ihm das Gefühl, einem zu hohen Anspruch ausgesetzt zu sein. Deshalb schrieb er auf Schmierpapier, die Rückseite von Briefen, Speisekarten oder Rechnungen.
Lösung 10: Ich erwarte von der ersten Fassung keine Perfektion. Ihr einziger Sinn ist es, dass ich mir wie ein Töpfer einen Klumpen Ton auf die Drehscheibe klatsche. Kein Töpfer der Welt schafft es, mit einem Wurf den Ton heranzuschaufeln und in der gleichen Bewegung einen Krug daraus zu formen. Also erwarte ich das auch nicht von mir als Autor. An schlechten Tagen zischt die innere Stimme: „Wärst du begabt, hättest du längst einen Bestseller geschrieben. Gib auf!“ Und ich antworte ihr: „Du hast recht, ich bin heute nicht in bester Verfassung und schon gar nicht in der Lage, einen bestsellerverdächtigen Romantext zu schreiben. Aber ich kann einen Klumpen Ton auf meine Drehscheibe bringen, aus dem später ein schöner Krug werden wird. Warum sollte ich heute nicht diesen praktischen ersten Schritt machen?“ Und die innere Stimme verstummt.
Kleine Randbemerkung: Es geht auch gar nicht darum, Bestseller zu schreiben. Erstens verkrampft man sich bloß, wenn man diesen Anspruch an sich stellt. Nicht mal die erfahrensten Lektoren und Verleger wissen, wie man einen Bestseller macht. Und wenn Sie genau in sich hineinhören, werden Sie zweitens feststellen, dass Ihre Motivation beim Schreiben eigentlich eine ganz andere ist. Ich zum Beispiel habe das Bedürfnis, mit Worten etwas festzuhalten. Als ich fünf war, bekam ich ein kleines Notizbuch geschenkt. Ich sagte meiner Mutter: „Da schreibe ich eure Namen rein. Und wenn ihr mal gestorben seid, kann ich immer nachgucken, wie ihr geheißen habt.“
Dieses Festhaltenwollen von Momenten und Bildern und Namen ist ein Teil von mir. Erlebe ich etwas Schönes, ist mein erster Impuls, es aufzuschreiben, damit ich es nie wieder vergesse. Darum beginnt mein Roman „Das Mysterium“ damit, wie eine Schnecke über die Hand des Protagonisten kriecht und mit ihren feinen Raspelzähnchen an seiner Haut nagt. Darum läuft Saphira in „Die Todgeweihte“ mit nackten Füßen durch ihr Zimmer, und es bleiben Sandkörner an den Fußsohlen haften. Es sind Dinge, die ich erlebt habe und festhalten will.
Zurück zum Tonklumpen. Es kann passieren, dass ich später neun Zehntel des Entwurfs wieder wegwerfe. Aber schon wenn er einen einzigen besonderen Satz enthält, an dem ich mich noch jahrelang erfreue, hat der Entwurf seinen Zweck erfüllt: Der eine Satz wäre nicht da, wenn ich an diesem Tag nichts geschrieben hätte.
Ich hebe es mir immer bis zum nächsten Tag auf, ein Qualitätsurteil über das Niedergeschriebene zu fällen – ich lese es früh am Morgen, bevor ich weiterschreibe. Am Bildschirm erkenne ich dabei oft die Fehler nicht, ich muss mir den Text ausdrucken. Manchmal lese ich ihn mir laut vor, wenn ein Satz holpert und ich auf den ersten Blick nicht erkenne, warum. Gefällt mir ein Teil des Entwurfs nicht mehr, verstaue ich ihn in einer Datei namens „Nicht verwendet“, aus der ich manchmal später noch Rohmaterial rette. Wenn ich schlecht gelaunt bin, lasse ich das Überarbeiten ganz und vertage es. Nur in sachlicher, positiver Stimmung nehme ich die Schere in die Hand.
Ich ermutige mich zum Schreiben. Habe ich schon erwähnt, dass das größte Geheimnis des Schreibens ist, dass man dranbleibt, weitermacht, nicht aufgibt? Ein schlechtes Manuskript kann man am nächsten Tag überarbeiten. Ein leeres Blatt Papier nicht.